Meister der Repression: Der »Goldene Schlagstock« geht an Werder Bremen und Schalke 04

aus der jungen welt vom 28.01.09:

Meister der Repression: Der »Goldene Schlagstock« geht an Werder Bremen und Schalke 04

Eins scheint klar: Auf die Meisterschale werden Bremer und natürlich Schalker in dieser Saison wohl wieder mal verzichten müssen. Statt dessen dürfen sie sich nun den »Goldenen Schlagstock«, verliehen vom B.A.F.F. in die Vitrine stellen. Mit diesem Negativpreis zeichnet das »Bündnis Aktiver Fußballfans« alljährlich die unangemessenste Behandlung von Fans durch deutsche Sicherheitskräfte aus. Werder Bremen erhält die Auszeichnung in der Kategorie »Polizei«, Schalke 04 in der Kategorie »Ordnungsdienst«.

Die Polizei der Hansestadtverdiente sich den Goldenen Schlagstock mit der »Ingewahrsamnahme« von 232 Gästefans beim Bundesligaspiel gegen Eintracht Frankfurt Ende November. Obwohl es lediglich zu den üblichen Sprechchören und dem Zünden eines einzigen Böllers gekommen war, nahm die Polizei die Frankfurter Fans bereits am Vormittag in Gewahrsam und hielt sie bis nach dem Spiel in überfüllten Zellen fest. Angeblich habe man nur so die öffentliche Sicherheit gewährleisten können. Im Stadion selbst kam es laut zahlreichen Zeugenaussagen während des Spiels zu polizeilichen Übergriffen auf Eintracht-Fans, die teilweise vom Werder-Ordnungsdienst vor den Polizisten geschützt werden mußten.

Auf Schalke war es hingegen der vereinseigene Ordnungsdienst, der beim UEFA-Cup-Spiel gegen Paris Saint-Germain im Oktober die Gästefans wie Schwerverbrecher behandelte. Bis zu 150 französische Fans wurden am Stadiontor in extra dafür aufgestellte Kabinen geführt und einer Leibesvisitation unterzogen. Auf der vergeblichen Suche nach Bengalfackeln, Böllern und Rauchpulver zwangen die Ordner die PSG-Fans, sich vor ihren Augen zu entkleiden und zwar in Gänze. Nachdem Gelsenkirchen bei vielen deutschen Fans bereits als einer der ungastlichsten Spielorte gilt, scheinen die Schalker diesen Ruf nun auch international untermauern zu wollen.

Beide Vorfälle zeugen nach Ansicht des B.A.F.F. »von einem erschreckend geringen Respekt vor den Grundrechten von Fußballfans«.

Der »Goldene Schlagstock« wird seit Anfang der 90er Jahre verliehen.

Der FC St. Pauli auf DVD

junge welt vom 13.01.09,von christof meueler:

Brutale Sache
Eine Marke macht mobil: Der FC St. Pauli auf DVD

Härter als der Rest. Im englischen Fußball vor Beckham, Abramowitsch und Ronaldo ging es brutal zur Sache. Wer sich verletzte, galt als zu weich. Humpelte ein Spieler an die Seitenauslinie, wurde ihm meistens von den Medizinmännern beschieden: »Run it off, man!« So als könnte man seinen Verletzungen einfach davon laufen. Die Spielkultur des berühmten FC St. Pauli ist ähnlich angelegt, der FC St. Pauli ist der englischte Club Deutschlands. Holzhackerbuam vom Kiez, die ihren Kampffußball zu leben, das heißt exzellent zu vermarkten wissen. Weil der Klub so klein und klamm ist, ist sein Fanartikelshop gigantisch, und sein bundesweit präsentes Vereinswappen eine 1-A-Marke, die für Anders-, Cool- und Kritischsein steht.

Denn seit den Häuserkämpfen um die Hamburger Hafenstraße in den 80ern ist der FC St. Pauli der linke deutsche Klub überhaupt. Demos, Punkrock, Fußball, Totenkopfflagge – damals galt Und-Samstag-zu-Pauli als das neue Ding. Linke strömten auf einmal ins Stadion, erreichten die Hegemonie unter den Fans und transformierten das Image des bis dahin ziemlich maroden Fahrstuhlvereins in eine fast schon revolutionäre Angelegenheit. Und wenn Pauli dann, wie im DFB-Pokal 2005/2006, die großen Bundesliga-Klubs niederkämpfte, wurden solche Siege politisiert, als könnte man 1917 und 1968 in 90 Minuten plus Verlängerung verdichten.

Der FC St. Pauli ist ein fußballsoziologisch hochinteressantes Thema, das Joachim Bornemann in seinem Dokfilm »St. Pauli! Rausgehen – warmmachen – weghauen!« weitgehend verschenkt. Seine erste Regiearbeit lief im Sommer in ein paar Programmkinos und ist nun als DVD erhältlich. Mit dem Spruch im Titel ruft Pauli-Trainer Holger Stanislawski sein Team auf, am vorletzten Spieltag der Saison 2006/2007 zu Hause gegen Dynamo Dresden den Aufstieg in die 2.Bundesliga klar zumachen. Klappte mit 2:2. Der Spruch trifft Paulis traditionelle Spielweise exakt, doch die politischen und ökonomischen Kontexte bleiben bei Bornemann nur pitoreske Beigabe. Ein bißchen Reeperbahn, ein bißchen Bullenterror gegen G8-Gegner und noch eine Prise Drogenverpeilte, muß alles sein in diesem Imagefilm.

Erhellender ist die Auseinandersetzung um den Neubau der Südtribüne, dessen Durchsetzung den sympathischen Vereinspräsidenten und Kieztheaterintendanten Corny Littmann beinahe das Amt kostete, was im Film aber nur dezent angedeutet wird. Statt dessen sieht man jede Menge kleinbürgerliche Vereinsheim- und Umziehkabinenromantik, wie bei Omma in der Laube. Der Pressemann angelt Karpfen, der Zeugwart murmelt Unverständliches und Stanislawaski raucht viel. Vor dem Spiel gegen Dresden werden alle Spieler von ihm umarmt. Als Gesprächspartner für Bornemann sind sie nicht gefragt. Dafür Littmann und Stanislawski: Nicht ungelungene Plaudereien, aber so widerspruchsfrei wie die ganze Dokumenta tion. Filmisch formal in Ordnung, doch Kunst oder gar Politik sehen anders aus. Littmann sagt, wenn er zwischen Fußball und Theater wählen müßte, würde er sich für das Theater entscheiden.

»St. Pauli! Rausgehen – Warmmachen – Weghauen!«, Regie: Joachim Bornemann, BRD 2008, 90 min (Brown Sugar)

standing room only

aus der jungen welt vom 15.01.09:

Standing room only
Ein Buch über Englands erste proletarische Jugendkultur. Der Erlös geht an den FC United of Manchester

Von Christian Bunke

Wer sind diese Leute?« fragt der BBC-Reporter verwundert. Die hundert Sitzplätze im dekorierten Veranstaltungsraum der Bibliothek in Manchester sind voll besetzt. »Standing room only« und von diesem machen Dutzende Gebrauch. Andrew Davies, Professor für Kriminalgeschichte an der Universität Liverpool, stellt sein neues Buch vor. Im Publikum sind keine Yuppies, kaum bekennende Studierende und nur wenig Intellektuelle zu finden. Statt dessen ist der Saal gefüllt mit Jugendlichen, Arbeitern, Fußballfans.

Andrew Davies liest an diesem Abend aus seinem Buch »The Gangs of Manchester«. Hier geht es um die Scuttlers, Großbritanniens erste proletarische Jugendsubkultur. Das Buch brauchte 17 Jahre Entstehungszeit. 17 Jahre Wühlen in Polizei- und Zeitungsarchiven.

Scuttlers machten die Straßen Manchesters in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts unsicher. Manchester galt damals als die Mutter aller modernen Großstädte. Der erste saure Regen der Welt fiel in Manchester, der Heimatstadt der ersten Großindustrie. Die Straßen waren finster und schmutzig, die Arbeiterwohnungen so überfüllt wie die zahllosen Kneipen.

Hier besoff sich der junge Engels, von den Einwohnern noch heute liebevoll Fred genannt. Nebenbei schrieb er ein Buch über die Lage der arbeitenden Klasse Englands. Eine junge Salforderin namens Mary Burns paßte auf, daß ihm keiner aufs Maul haute. Sie beschaffte ihm auch die dringend nötigen Kontakte. Engels’ Buch wäre ohne sie nicht entstanden.

Eine moderne Stadt brachte eine moderne Jugend hervor. 12- bis 15jährige Mancs, Mädchen und Jungs, arbeiteten in den Fabriken. Einen Teil ihres Lohns gaben sie an ihre Eltern ab. Den Rest verpraßten sie in Musikhallen und Pubs. Die Mittelklasse war empört. In der Presse wurde ausführlich der Verfall der bürgerlichen Familie beklagt. Die jungen Leute sollten gefälligst zu Hause bleiben und nicht in der Stadt herumstromern.

Mutti und Vati wollten die Teenager zu Hause nicht haben. Oft lebten mehrere Arbeiterfamilien auf engstem Raum zusammen. Und die Jugendlichen fühlten sich als Erwachsene. Wer tagsüber für Niedriglöhne in der Fabrik schuftet, kann abends selbst über sein spärliches Geld entscheiden. Es entstand die erste Jugendmode: Schlaghosen, Clogs mit Metallbeschlägen. Kappen wurden schräg ins Gesicht gezogen, damit sie die modische Frisur nicht ganz verdeckten. Am wichtigsten der Ledergürtel, insbesondere die Schnalle. Mit der Schnalle galt es anzugeben. Es gab Schnallen in allen Formen und Farben, die Trends wechselten beinahe täglich.

Dies waren die Scuttlers. Die Straßen, Gassen und Hinterhöfe Manchesters gehörten ihnen. Sie waren territorial organisiert und zogen zu Hunderten gegeneinander in die Schlacht. Die Gürtelschnalle wurde zur wichtigsten Waffe. Es kam zur ersten Medienhysterie gegen »die Jugend von heute«. Am allerschlimmsten: Nicht nur die Jungs kloppten sich in Manchesters Hinterhöfen, auch die Mädchen beteiligten sich leidenschaftlich. Der Sittenverfall war komplett. Journalisten, Staatsanwälte, Richter forderten die Wiedereinführung des Auspeitschens für Jugendliche. Um der Lage Herr zu werden, wurden später die Lads Clubs gegründet, die ersten Jugendclubs. Jahrzehnte später gründeten sich im Salford Lads Club »The Smiths«. Auch in anderen Städten hinterließen solche Initiativen Spuren. Die Beat Clubs im Liverpool der 1950er Jahre waren teilweise ein Versuch, Jugendliche in einer kontrollierbaren Umgebung zusammenzuführen.

Andrew Davies vermacht den Erlös seines Buches dem FC United of Manchester, dem Verein, der sich den Kampf gegen den modernen Fußball auf die Fahnen geschrieben hat. Viele ältere Vereinsmitglieder machten in den 80er Jahren als »Perry Boys« die Straßen Manchesters, Englands und Europas unsicher. Ihre Vorfahren waren die Scutt lers.

Die Moston Action Drama Group, eine Jugendtheatergruppe, will ein Stück aus dem Buch machen, um in ihrem Stadtteil eine Diskussion über heutige Gangstrukturen anzuregen.

Andrew Davies: The Gangs of Manchester – The Story of the Scuttlers. Milo Books, Preston 2008, 325 Seiten, 13,30 Euro * 11,99 Pfund zum aktuellen Kurs

Hallenfußball?

aus www.taz.de,von Frank Hellmann:

Mit Kicks auf Echtrasen versuchen die Veranstalter von Hallenfußballturnieren zu punkten, doch der Frost macht einen Strich durch die Rechnung.

Die deutschlandweite Premiere aus dem Vorjahr erfährt am Samstag im Gerry-Weber-Stadion in Halle/Westfalen keine Wiederholung: Hallenfußball auf Naturrasen. Auf einem Untergrund wie bei der WM 2006, einer Mischung aus Weidelgras und Wiesenrispe, sollten sich am Samstag ab 12 Uhr die Zweitligisten Rot Weiss Ahlen, VfL Osnabrück und MSV Duisburg und die Bundesligisten Arminia Bielefeld und Eintracht Frankfurt messen.
Doch der vorherrschende Bodenfrost machte eine Schälung des Belages undenkbar, obwohl die vorgesehenen Rasenflächen mit Spezialfolie abgedeckt und mit einer Zuckerlösung präpariert worden waren. Macht nichts, sagen die Organisatoren: Nun wird eben wieder auf Kunstrasen gekickt und an die 10.000 Zuschauer sollen trotzdem ihren Spaß haben.
Der WDR überträgt Samstag live – und Sonntag auch den Hallenfußball-Cup „Derby-Fieber“ in der Dortmunder Westfalenhalle, wo die geplante Verlegung des Naturrasens im Gegensatz zu Halle geklappt hat und immerhin fünf Bundesligisten mitwirken: Bayer Leverkusen, Borussia Dortmund, 1. FC Köln, VfL Bochum und Borussia Mönchengladbach kicken drinnen vor stattlicher Kulisse und für gutes Geld, ehe sie in südliche Gefilden in die Trainingslager entfliehen.
„Damit finanzieren wir einen Großteil unseres Aufenthalts im türkischen Belek“, sagt Leverkusens Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser. Gleich drei Hallenturniere tut sich die Eintracht in diesem Winter an: Nach Halle das vom ehemaligen Profi Gert Trinklein ausgerichtete Turnier in der Frankfurter Ballsporthalle am Sonntag, dann am Montag den Kick auf modernem Kunstrasen in Mannheim, wo wie im Vorjahr die Ballkünstler von 1899 Hoffenheim mitmischen.
Ralf Rangnick und Friedhelm Funkel sind sich einig, dass auch der künstliche Untergrund kein erhöhtes Verletzungsrisiko mehr birgt, und Funkel bietet deshalb fast die beste Mannschaft auf. „Hallenfußball ist eine tolle Sache“, sagt er. Ähnlich argumentiert das Deutsche Sportfernsehen, das wieder mehr als 40 Stunden Live-Hallenfußball im Programm hat und die Turniere aus Riesa (Samstag), Frankfurt, Mannheim und Oldenburg (Mittwoch) in voller Länge zeigt.
Die Quoten schwankten im Vorjahr zwischen 220.000 und 420.000 Zuschauern. Klar ist das kein Vergleich zu den einst von den Öffentlich-Rechtlichen übertragenen Hallenturnieren mit offiziellem Wettspielcharakter. Aber der Trend spricht für die Renaissance des Budenzaubers: Elf Spitzenteams machen bei den insgesamt acht Turnieren mit Bundesligabeteiligung mit, fast überall sind die Hallen (mit vielen Kindern und Jugendlichen) voll, die Stimmung – auch unter den Profis – ist bestens. Die Veranstalter schreiben fast überall schwarze Zahlen, auch wenn Teams wie der FC Bayern, FC Schalke, Hamburger SV oder Werder Bremen sich nicht unterm Hallendach verlustieren.
„Der Hallenfußball bleibt ein Erlebnis“, beteuert Trinklein trotzig. Umso schwieriger wird es für Organisatoren wie ihn, den Spaß am Leben zu halten. Denn erst vor wenigen Wochen hat die Deutsche Fußball-Liga zusammen mit dem Deutschen Fußball-Bund für die Saison 2009/2010 einen Kompromiss ausgetüftelt, der faktisch einem frühen Verfallsdatum für den Budenzauber gleichkommt. Bis zum 21. Dezember 2009 rollt der Ball im Freien, die Rückrunde startet bereits am 15. Januar 2010.
Die Winterpause ist also um drei Wochen verkürzt. Ob dann noch das kurze Intermezzo in der Halle möglich ist, erscheint mehr als fraglich. Immerhin: Die Deutsche Fußball-Liga und der Fußball-Bund haben betont, dass der neue Rahmenplan zunächst im Hinblick auf die Weltmeisterschaft in Südafrika ein Test sei und dann neu entschieden werde – auch über die Zukunft des Hallenfußballs.

19 Rote Karten

gefunden bei www.spiegel.de:

Eine Massenschlägerei bei einem Spiel der andalusischen Amateurliga hat den spanischen Schiedsrichter José Manuel Barro Escandon zum Spielabbruch und der Verhängung von 19 Roten Karten veranlasst. Einmal Rot hatte der Referee schon vor der 1:0-Führung des Gastgebers Recreativo Linense gegen Saladillo Algesiras gezeigt, danach kam es zu Handgreiflichkeiten zwischen zwei Spielern. Die Situation eskalierte, als mehrere andere Spieler und auf den Platz gelaufene Zuschauer sich an der Prügelei beteiligten. Der Schiedsrichter brach daraufhin das Spiel ab und flüchtete in die Kabine. In seinem Spielbericht notierte er die 19 Platzverweise. Unverständnis für die „Rot-Orgie“ des Schiedsrichters äußerte Linenses Trainer Sebastian Naranjo: „Es hat nur den Streit zwischen den Spielern Francis und Aguilar gegeben. Die anderen Spieler und die Zuschauer, die dann eingegriffen haben, wollten nur schlichten. Ich weiß nicht, was in den Schiedsrichter gefahren ist.“






Stoppt die Vorratsdatenspeicherung! Jetzt klicken & handeln!Willst du auch bei der Aktion teilnehmen? Hier findest du alle relevanten Infos und Materialien: